Was würdest du dir wünschen, wenn du einen Wunsch frei hättest?
Sydney, eine junge Studentin aus Greenville meldet sich zu einer Probandenstudie an und wird in einem Raum ohne Fenster und Türen gesperrt. Sie muss sechs Wochen lang für ihr Essen kämpfen und die Zeit überleben. Den einzigen Kontakt kann sie über einen alten Computer zu weiteren vier Probanden herstellen. Als die Zeit endlich um ist, beginnt ihr wahrer Kampf.
28 m² – Die Probandenstudie ist ein packender Psychothriller, der tief unter die Haut geht. Die Protagonistin Sydney findet sich in einem kahlen, fensterlosen Raum von gerade einmal 28 Quadratmetern wieder – abgeschnitten von der Außenwelt, ohne Türen, ohne Freiheit. Das Einzige, was bleibt: ein textbasierter Chat mit vier weiteren Probanden und ein streng reglementierter Alltag voller monotoner Aufgaben, geschmacklosem Brei und der ständigen Frage nach dem Sinn hinter diesem Experiment.
Mit eindringlicher Sprache schildert Perry Payne Sydneys Gedankenwelt zwischen Wahn und Wirklichkeit. Leserinnen und Leser spüren ihre Wut, Angst und Verzweiflung, teilen aber auch die kleinen Momente des Galgenhumors, wenn sie beginnt, Möbeln Namen zu geben oder eine Pflanze zum Freund erklärt. Die psychologische Intensität zieht in den Bann, und die Isolation wird so greifbar beschrieben, dass man selbst das Gefühl bekommt, in diesem Raum zu sitzen.
Die Geschichte lebt von der Mischung aus Psychothriller, Science-Fiction und Action. Sie hält die Spannung bis zuletzt aufrecht, überrascht mit unvorhersehbaren Wendungen und wirft dabei existenzielle Fragen auf: Macht Geld glücklich? Was bedeutet Gemeinschaft? Wie viel Freiheit ist ein Mensch bereit, aufzugeben?
Rezensenten nennen das Buch „einen schnellen, spannenden Psychothriller“, „rundum gelungen“ und „unglaublich packend“. Ein Werk, das nachhallt und den Leser auch nach der letzten Seite nicht loslässt.
Wer Thriller liebt, die nicht nur fesseln, sondern auch zum Nachdenken bringen, wird mit 28 m² – Die Probandenstudie eine unvergessliche Leseerfahrung machen.
Meistverkauftes Verlagsinternes "Buch des Jahres 2020" beim Franzius Verlag GmbH.
Überarbeitete Neuauflage
als Taschenbuch und eBook
Restbestände vom Verlagsbuch sind noch vereinzelt erhältlich.
Thriller, ca. 326 Seiten
Verlag: Franzius Verlag GmbH
Taschenbuch ISBN 978-396050-168-8 € 16.90
eBook € 8.99
Erhältlich: In allen namhaften Onlineshops und im regionalen Buchhandel, ganz in deiner Nähe (auf Bestellung - Lieferzeit ca. 3 Werktage)
Lukrativer Nebenverdienst
Es war dieses unangenehme Herzklopfen, das sich bis in Sydneys Fingerspitzen ausbreitete. Dabei gab es keinen vernünftigen Grund für ihre Nervosität, außer dem recht kleinen Klassenraum, den zahlreichen Leuten und einer ungewohnten Situation.
Alle waren gekommen, um sich für die Studie einschreiben zu lassen. Und Sydney war mittendrin, saß an dem abgewetzten Holztisch, wartete ab und musterte das Zimmer und die Leute.
Der muffige Geruch aus Staub, Putzmitteln und alten Gemäuern passte nicht zum modernen Gebäude, allerdings zur langweiligen Einrichtung im Stil eines altmodischen Klassenzimmers. Die weitläufigen Fenster schnitten die staubige Luft, den Wind und die überwiegenden Geräusche der Stadt wie eine Festung im Exil vom regulären Leben ab.
Ruhelos, eher hektisch ließ Sydney den billigen Plastikkugelschreiber mit dem blauen Schriftzug des Cunningham-Forschungsinstituts zwischen ihrem Zeige- und Mittelfinger tanzen. Es wurde Zeit, sich auf das Formular zu konzentrieren.
Ein Stoß gegen ihren Tisch schurrte ihn etwas über das Linoleum.
Ein adretter Mann mit langem dunklem Mantel lief zwischen den Tischreihen nach hinten, entschuldigte sich knapp mit leichtem Nicken und ernstem Gesichtsausdruck.
Sie beobachtete ihn zurückhaltend, bis er zwei Reihen weiter einen freien Platz eingenommen hatte, wendete sich wieder ihrem Blatt zu und atmete bewusst einige Male tief durch.
Gemurmel.
Scharren von Stühlen.
Grelles Neonlicht.
Sydney rieb sich unruhig ein paar kitzelnde Haare aus dem Gesicht und fuhr dann mit dem kleinen Finger abwechselnd unter beiden Augen entlang, um eventuell verwischten Eyeliner zu entfernen. Sie musste nachher in den Toiletten danach schauen.
Auf der ersten Seite des Formulars ging es um die persönlichen Daten. Name, Alter, Wohnort.
Also los, dachte sie beherzt, womit der Kugelschreiber in ihrer Hand zur Ruhe kam und setzte ihn auf das Papier. In geschwungenen Lettern malte Sydney ihre Angaben in die Zeilen, bis das erste Blatt ausgefüllt war. Das war einfach.
Weitere vier eng geschriebene Seiten lagen vor ihr.
Irgendwo im Raum flackerte eine Neonlampe. Das metallene Klacken fügte der Atmosphäre aus Schweißgeruch, Beklemmung und konfuser Konversation einen nervösen Takt hinzu, ließ klare Worte und Sätze im Nebel der Belanglosigkeit abtauchten und formte sie zu einem beständigen Summen. Nur das Klacken stach daraus hervor. Nervös und markant.
Schweißtropfen bildeten sich auf ihrer Stirn.
Zweifel keimten auf.
Wie unpassend. Zumal sie in den vergangenen Tagen elend lange mit Scott über dieses Thema diskutiert hatte und er so ziemlich jeden Einwand zerstreuen konnte. Schließlich handelte es sich nur um eine schnöde Studie, die jede Menge Geld einbringen würde. Sie brauchten das Geld für die neue Wohnung am anderen Ende der Antler Road und nicht zuletzt für den Start in eine gemeinsame Zukunft. Mehr Motivation war nicht erforderlich und es sprach eigentlich nichts gegen ihre Teilnahme an einer Studie, außer vielleicht ein paar Wochen ihrer Zeit und das Unbekannte.
Leicht nickend und einseitig schmunzelnd stimmte sich Sydney selbst zu. Das ist sicher eine gute Entscheidung.
Weiter ging es.
Zunächst strich sie mit der flachen Hand die zweite Seite des Formulars glatt und begann, die Fragen zu lesen.
»Ist hier noch frei?«
Ein Formular glitt neben ihr auf den Tisch. Sydney ließ sich ablenken und sah zu einem schlanken, jungen Mann mit Basecap, ungepflegten roten Bartstoppeln und prägnanten Ohrtunneln. Diese Löcher in den Ohren waren groß genug, um den kleinen Finger hindurch stecken zu können. Sie schüttelte sich innerlich und wischte flink die Vorstellung nach dem Wie und Warum schnell beiseite.
Er ließ sich neben ihr auf dem freien Platz nieder, ohne ihre Antwort abzuwarten.
»Riecht ziemlich übel hier. Findest du nicht auch?«, sagte er, während er sein Formular zu sich drehte und auf seinem Stuhl nicht zur Ruhe kam.
Genervt runzelte Sydney die Stirn. Sie roch Zwiebeln in seinem Atem.
»Ich meine ja nur: Ist ziemlich was los in der Bude.« Kurz blickte er sie an, wühlte umständlich in seiner Hosentasche und scharrte erneut mit dem Stuhl.
Sie zog ihr Formular von der Mitte des Tisches zu sich herüber.
»Ich hatte wohl Glück, dass noch ein Platz frei war«, versuchte er das Gespräch in Schwung zu bringen, kramte stöhnend in den vorderen Taschen seiner Jeans und lehnte sich ein gutes Stück zurück.
»Kann ich mir den borgen?« Er deutete auf den Kugelschreiber, der auf Sydneys Tischseite lag.
Sie bemerkte seinen hageren Finger, dann erreichte sie auch noch der Duft seines schweren Parfüms mit der Note von Gewürznelken und Labdanum, der wohl die Zwiebeln übertünchen sollte.
»Hier, nimm!«, sagte sie knapp, schob den Stift zu ihm und wendete sich gestresst ihren nächsten Aufgaben zu.
Umgehend griff er danach, knipste die Mine heraus und herein und wieder heraus und herein.
»Könntest du das bitte lassen?«, fauchte ihn Sydney an und schleuderte ihre Haare mit hektischer Kopfbewegung hinter die Schultern zurück.
Besonders umständlich, wie ein gestörter Roboter, und sichtbar irritiert legte er den Kugelschreiber vor sich auf den Tisch und nahm theatralisch seine Hand davon weg, als ob das Ding eine gefährliche Schlange in Angriffsstellung wäre.
»Was ist jetzt schon wieder?«, fragte sie mit hochgezogenen Augenbrauen.
»Nichts. Schon gut. Weißt du ...«, sagte er, näherte sich ihr viel zu dicht und las, was sie geschrieben hatte. »Sydney, ...«, begann er langsam, sah sie an und fuhr mit kratziger, tiefer Stimme fort: »Einundzwanzig. Ich hätte dich jünger geschätzt.«
Schnell zog sie ihr Formular zur äußersten Tischkante zu sich, hielt schützend einen Arm davor, beugte sich leicht vor und warf ihm einen missbilligenden Blick zu.
»Könntest du zur Abwechslung mal den Mund halten, nicht zappeln und dich um deinen eigenen Kram kümmern? Wir sind schließlich nicht zum Spaß hier.«
Er machte große Augen. »Wozu denn sonst?«
Darauf gab sie keine Antwort.
»Wenn du mich fragst, bin ich nur deshalb hier.« Langsam und leicht grinsend öffnete er seine Weste und zwinkerte ihr zu. In der Innentasche steckten vier kleine Fläschchen. Wahrscheinlich Alkohol. »Wenn wir unsere Zimmer haben, kannst du gerne zu mir rüberkommen«, sagte er geheimnisvoll, schloss die Weste und sah unauffällig in die Runde. Dann beugte er sich zu Sydney und flüsterte: »Und wenn wir schon mal dabei sind, ich bin Lennis Nolan.« Impulsiv drückte er sein Kreuz durch und hielt ihr strahlend die offene Hand entgegen.
Sydney dachte nicht daran, diesem ungehobelten Affen die Hand zu schütteln, und lehnte sich ebenso zurück. Ihren Arm ließ sie schützend auf dem Formular liegen. »Bist du sicher, dass du hier richtig bist? Das hier ist eine Verhaltensstudie. Das scheint etwas zu sein, wovon du nicht allzu viel verstehst.«
Gespielt hektisch sah sich Lennis nach allen Seiten um, woraufhin er sie entsetzt anstarrte. »Verdammt. Ist das etwa nicht der Angelkurs für Blaubarschbube und Meerjungfraumann?«
»Sehr witzig.« Ihre Augenlider formten sich zu schmalen Schlitzen.
»Hey!« Freundschaftlich stupste er sie mit dem Ellenbogen gegen den Arm. »Wir sind gleich so etwas wie Arbeitskollegen.«
Mit absoluter Sicherheit wollte Sydney davon nichts wissen. »Lass mich einfach dieses Formular ausfüllen, okay? Dann kannst du meinetwegen so lange Faxen machen, wie du willst und der restlichen Menschheit auf den Geist gehen. Aber, lass mich jetzt bitte weitermachen. Ich will heute noch fertig werden. Hast du mich verstanden?«
Ohne innezuhalten, sagte er im Befehlston: »Verstanden, Lady!« Er schnappte sich den Stift und konzentrierte sich auf sein Formular. Zumindest tat er so.
Das sollte schon alles gewesen sein?, dachte Sydney verwundert. Eine klare Ansage, und dieser ungehobelte Kerl war gebändigt? Da kommt doch noch etwas. Sie kannte solche Leute.
Etwas unsicher beobachtete sie Lennis aus den Augenwinkeln, kratzte sich über ihre verschwitzten Handflächen, nahm den Stift schreibbereit in die Hand, wartete aber noch einen Augenblick.
Wie erwartet schielte er zu ihr. Solche Typen waren nicht in der Lage, irgendetwas ernsthaft zu erledigen.
Energisch tippte Sydney mehrfach auf sein Blatt und er füllte brav seinen Zettel aus.
Sydney war mit ihrem kleinen Erfolg sichtlich zufrieden und schmunzelte vor sich hin.
Die Wärme und Anspannung hatten kleine Schweißperlen auf ihre Stirn gelegt. Im Raum hörte man Papier rascheln. Die Leute waren konzentriert und das Gemurmel weitestgehend verschwunden.
Auch Sydney widmete sich wieder dem Formular.
Fragen über ihre Kindheit, die Schule und Ausbildung folgten denen zu ihrem Charakter, ihren Ängsten und Hobbys.
Brav füllte sie Zeile um Zeile aus und legte erst vor dem letzten Blatt eine Pause ein.
»Wie weit bist du? Hab fast die Hälfte. Die wollen ziemlich viel wissen, findest du nicht auch?«, sagte er.
»Komme voran.« Sie zuckte mit den Schultern. »Woher kommst du überhaupt, Idiot?«
»Roby. Das ist ein kleines Nest am Sangamon River. Und den Idioten habe ich überhört.« Sein Grinsen wirkte selbstzufrieden.
Sydney ließ den Stift in ihrer Hand tanzen.
»Das ist doch in der Nähe von Springfield, oder?«
Er nickte. »Ich bin fast sechs Stunden gefahren, aber für so viel Kohle würde ich überall hingehen, ehrlich«, entgegnete er souverän. »Aber warum bist du hier, schöne Frau? Wegen des Geldes, dem Abenteuer, dem bezahlten Urlaub, dem Gratisfutter oder einem Gesundheitscheck?«
»So, wie du das aufzählst, klingt doch alles verlockend. Ich schätze mal, die meisten sind hier, weil Geld brauchen.«
Grübelnd strich sich Lennis über seine roten Bartstoppeln. »Schon möglich.«
»Davon abgesehen, bin ich neugierig, wie so etwas abläuft.«
»Wird bestimmt nicht übel. Weißt du, ich will mir einen megagroßen Fernseher zulegen. Einer, der die halbe Wand bedeckt. Damit kann ich vernünftig gegen meine Kumpels zocken.« Euphorisch breitete er seine Arme weit aus und versuchte damit, die Größe zu zeigen.
Sie schüttelte den Kopf. »Ich mache das für die Mietkaution«, sagte Sydney nüchtern.
»Oh ja, eine eigene Bude ist wirklich etwas Feines. Ich weiß, wovon ich rede, Mann.«
»Wenn du das sagst.« Sie widmete sich wieder dem Formular und wollte zum Ende kommen.
»Reden wir später weiter«, sagte sie. »Ich bin bald mit dem Schreibkram durch und will dieser Sauna entkommen.«
»Kann ich verstehen.« Lennis grinste wieder.
Sydney deutete mit ihrer Nasenspitze auf sein Blatt und hob eine Augenbraue. Lennis kapierte ihren Wink und entgegnete: »Nur keine Hektik, Lady. Hier gehts nicht um Geschwindigkeit.«
»Das wohl nicht, aber ...« Sie hatte eine Idee und blätterte um. »Sag mal, was meinen die mit dem Punkt sieben vom Zusatzblatt?« Sie las laut vor: »Die Angaben über die persönlichen Verhältnisse, dem vollumfänglichen Bewusstsein über eventuelle Risiken und der daraus resultierenden Notwendigkeit einer abgeleiteten Übertragung der Persönlichkeitsrechte, werden unter Vorbehalt der Punkte vier bis neun, sowie elf B und den Schlussbestimmungen den folgenden Familienangehörigen, oder im Zusammenhang mit der Person stehenden Kraft übertragen, wobei rechtliche Schritte ausdrücklich ausgeschlossen werden und die alleinige Instandsetzung möglicher Folgeschäden ausschließlich beim Probanden und der in Punkt zwei genannten Personen liegen.«
Fragend schaute sie ihm in die Augen. Wie es aussah, hatte sie Lennis damit verwirrt. Er fuhr sich über seine spärlichen Bartstoppeln am Kinn und pustete ein: »Hä, was?« hervor.
Sie genoss den Augenblick und sagte: »Konzentrieren wir uns.«
Vermutlich überlegte er immer noch, denn er sagte langsam: »Ich finde diese Beamtensprache beängstigend. Die verwirren die Leute doch absichtlich. Egal. Das ist doch keine Prüfung. Lass uns einfach irgendetwas reinschreiben. Was sollen die schon merken?«
»Das könntest du machen. Aber was ist, wenn du damit deine Einwilligung gibst, dass sie dir die Organe entnehmen dürfen?« Sie verbarg ihr Grinsen hinter der vorgehaltenen Hand.
»Meinst du, die machen das echt? Ich liebe meine Lunge und meinen Magen. Wir sind ein eingespieltes Team und ... Das können die doch nicht machen. Außerdem stand davon nichts in der Annonce.«
Sydney amüsierte sich über ihn, schrieb wieder etwas und sah ihn schweigend an.
Nach einer Weile fügte er hinzu: »Oder doch? Vielleicht zahlen die deswegen so viel? Das wäre zumindest eine Erklärung.« Er legte seine flache Hand auf den Bauch und sah an sich herab.
»Natürlich nicht. Das war nur rein hypothetisch«, sagte sie. Offenbar war Lennis doch nicht so abgebrüht, wie er vorgab. »Damit wollen sie uns nur sagen, dass es mögliche Folgeschäden geben könnte, für die sie nicht haften wollen. Es handelt sich um einen Standardtext, so wie auf fast allen Verträgen dieser Art. Trockne deine Katze nicht in der Mikrowelle, betrete die Straße nicht bei Rot, beige Schnürsenkel sind auch nicht essbar und wasserlösliche Wandfarbe ist nicht für den Verzehr geeignet. Solche Sachen eben. Wir können unsere Organe behalten und müssen auch keine Pillen schlucken.« Tröstend blinzelte sie ihm zu. Jetzt tat er ihr sogar ein wenig leid.
Sein Gesichtsausdruck, mit dem starren Blick ins Nirgendwo, entspannte sich. »Da bin aber erleichtert.« Er wedelte mit dem Zeigefinger vor Sydney. »Fast hättest du mir Angst eingejagt.«
Sie zwinkerte. »War Absicht. Übrigens werde ich nicht nachfragen, wieso jemand seinen Magen lieb haben kann.«
Er blinzelte ihr zu. »Toughe Puppe. Respekt.«
Eine Frau um die 40 in weißem Kittel betrat den Raum, blieb am Pult stehen, räusperte sich und wartete kurz auf die allgemeine Aufmerksamkeit.
»Guten Tag, Ladys und Gentleman. Vielen Dank für Ihr Interesse an unserer Studie. Wenn Sie ihre Formulare vollständig ausgefüllt haben, überprüfen sie nochmals ihre persönlichen Angaben auf Richtigkeit und unterschreiben bitte auf allen Seiten auf der vorgegebenen Zeile unten rechts. Trennen sie den roten Durchschlag ab und legen ihn mir auf den Tisch. Die restlichen Unterlagen nehmen sie bitte zur nächsten Station mit. Dort benötigen wir je eine Blut- und Urinprobe.« Sie zeigte Richtung Tür und dirigierte mit der flachen Hand. »Bitte gehen sie einfach nach links den Gang hinauf bis Zimmer neunundsechzig. Der Wartebereich ist ausgeschildert. Wenn Sie Fragen zum Formular oder zu organisatorischen Dingen haben, stehe ich ihnen gerne zur Verfügung. Bitte sehen Sie von sämtlichen Fragen zum Ablauf der Studie ab. Wie Sie wissen, handelt es sich um eine Schlaf- und Verhaltensstudie. Sie werden viel Zeit für sich und kreative Ideen haben. Sämtliche Details innerhalb der kommenden Wochen sind Bestandteil der Studie und werden ihnen zu einem späteren Zeitpunkt von Doktor Tagrid Williams persönlich in kleinen Abschnitten erörtert. Im Anschluss der Tests geht es in den Schlafraum. Planen Sie hierfür etwa vier Stunden ein.
Nun hoffe ich, dass sie alle die Tests bestehen, und wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt im Cunningham Institut. Haben Sie Fragen dazu?«
Geräuschvoll rekelte sich Lennis und sein Grinsen wurde breiter. »Hast du das gehört? Sie hat Schlafraum gesagt. Wir werden die Kohle im Schlaf verdienen. Willkommen im Paradies, Lady.«
»Spinner«, sagte Sydney und schrieb weiter.
»Ich habe meine Zahnbürste vergessen«, rief jemand aus der hinteren Reihe und leichtes Gemurmel breitete sich im Raum aus.
»Sie werden während Ihres Aufenthalts genug Möglichkeiten zum Einkaufen haben«, sagte die Dame vom Institut.
»Wie viel Ausgang werden wir bekommen?«, fragte ein älterer Mann am Eingang.
Sie schüttelte den Kopf. »Es ist entscheidend für das Ergebnis der Studie, dass wir Ihre mentalen Daten und alle Reaktionen 24 Stunden pro Tag beobachten können. Das geht nur in einer isolierten Umgebung ohne Fremdeinflüsse. Ist damit Ihre Frage beantwortet?«
Eine ältere Frau im Strickpulli meldete sich und fragte: »Ich muss am 17. wieder zu Hause sein. Ich glaube, das ist drei Tage vor Ablauf. «
»Wir können für optimale Ergebnisse leider keine Ausnahmen machen. In außergewöhnlichen Situationen haben Sie selbstverständlich jederzeit die Möglichkeit, die Studie abzubrechen. Bitte haben Sie in dem Fall Verständnis dafür, dass wir dann kein Geld auszahlen.« Nach einer kurzen Pause ergänzte sie: »Und um Nachfragen vorzubeugen: Sie brauchen für diesen Sonderfall auch keine Entschädigung an das Institut zu zahlen, sofern Sie keinen mutwilligen Schaden anrichten.«
»Ich glaube, wir haben ein gewaltiges Problem«, flüsterte Lennis und rutschte etwas zu Sydney.
»Wovon redest du?«, sagte sie und sah ihn entsetzt an.
Lennis beugte sich weiter zu ihr und flüsterte: »Wir sollen pinkeln.«
Sie zuckte mit den Schultern. »Na und? Wo liegt da das Problem?«
»Aber ich hab vorhin alles neben dem Eingang in die Büsche raus gelassen, weil ich dachte, ...«
»Wow, wow, wow. Stop!« Angewidert hielt sie ihre Hand vor: »Halt den Mund«, sagte sie viel zu laut. »Das ist eine Sache, die mich wirklich nichts angeht. Außerdem wird es nicht zu unserem Problem. Und jetzt will ich nicht mehr darüber reden.«
Er holte Luft, sagte »... aber«, und sie fuhr dazwischen: »Halt die Klappe, hab ich gesagt!« Sie hob den Zeigefinger. »Erwähne in meiner Gegenwart nie wieder solche Sachen.« Ihre Worte endeten mit einem hörbaren Schnauben.
Er zuckte mit den Schultern und hielt den Mund.
Bis zum Ende des Fragebogens musste sie lediglich noch einmal ihren Zeigefinger heben und konnte das Formular ungestört unterzeichnen, sah noch einmal flüchtig über alle Antworten und erhob sich.
Mit der Abgabe verpflichte ich mich für sechs lange Wochen ohne Scott, den Freundinnen und meinem Zuhause, überlegte sie. Wenn sie den nächsten Schritt macht, gibt es kein zurück.
»Alles in Ordnung, Lady?« Lennis holte sie aus den Gedanken zurück.
»Alles klar.« Sie nickte und musste schlucken.
»Würdest du kurz auf mich warten?«, fragte Lennis.
»Ganz bestimmt nicht. Sieh zu, dass du fertig wirst, bevor die schließen. Wir sehen uns.«
»Wie wäre es mit einem Kaffee heute Abend?«
Sie beugte sich zu ihm herunter und flüsterte: »Um ehrlich zu sein, wäre mir lieber, wenn wir uns nicht noch einmal sehen würden. Wir sind keine Freunde, nur weil wir nebeneinander die Schulbank gedrückt haben.« rasch wendete sie sich ab. Aber es hatte sich nicht vermeiden lassen, auf seinem Formular etwas Merkwürdiges lesen zu müssen. Das musste sie sich genauer ansehen und nahm ihm das Blatt weg. »Du wohnst zufällig in der Antler Road?«
Schnell riss er ihr das Blatt aus der Hand. »Natürlich nicht«, zischte er. »Aber das wissen die doch nicht. Verrate mich bloß nicht, Mann.«
Sydney stemmte ihre Hände in die Hüfte: »Warum schreibst du deine persönlichen Angaben bei mir ab? Denkst du, das ist eine Prüfung in der fünften Klasse? Du betrügst dich doch nur selbst.«
»Das hat gute Gründe, Lady.«
»Du hast echt einen an der Waffel, Lennis.« Sie schüttelte den Kopf, drehte sich auf den Absätzen um und ging.
»Übrigens bist du viel kleiner, als ich gedacht habe«, rief er ihr nach.
Sie ignorierte seine Worte, lief zügig die Reihen bis ganz nach vorn, legte den Durchschlag ab und verließ den Raum.
Im engen Flur hing gleich gegenüber der Tür das Bild eines Künstlers, dem offensichtlich der Pinsel ausgerutscht war. Wilde Farbtupfer ähnelten Blütenblättern, die entscheidende Stellen der Silhouette eines Frauenakts verbargen.
Die Glasfläche, die das Bild vor Staub schützte, spiegelte Sydneys Gesicht wider. Sie hielt inne, betrachtete sich und kontrollierte den Eyeliner konnte aber zu wenig erkennen. Sie dachte an ihren schneeweißen Brautschleier und ihr schulterfreies Spitzenkleid mit den glitzernden Sternchen daran, sah in Gedanken das bronzefarbene Band, was jeder Bewegung und dem Tanz leicht flattern würde. Noch hing ihr wunderschönes Kleid im Schrank zu Hause und sie musste sich gedulden. »Neun Wochen«, seufzte sie leise und ihr Herzschlag legte ein wenig an Tempo zu. Dabei wurde ihr wohlig und sie schmunzelte. Nur noch neun Wochen, dann war es so weit.
Im Rahmen einer Fortbildung war Scott derzeit in Europa unterwegs. Anfangs war ihr der Auslandeinsatz nicht recht gewesen, aber es ging um seine Karriere und damit um deutlich mehr Geld. Die Trennung war schließlich nur vorübergehend und sie nutzte die Zeit, um an der Studie teilzunehmen.
Hinter ihr knallte die Tür, womit die aus den Gedanken gerissen wurde. Sie drehte sich um.
»Einen Augenblick bitte«, sagte ein Mann und drängelte sich an ihr vorbei.
Sydney ordnete ihre langen schwarzen Haare und lief weiter zur nächsten Station.
Bereits nach kurzer Wartezeit nahmen sie ihr drei Röhrchen Blut und einen viertel gefüllten Becher Urin ab. Anschließend musste sie mit weiteren Probanden in einem kleinen Wartebereich ohne Fenster auf ungepolsterten Holzstühlen verbringen. Hier sollte der wesentliche Eignungstest erfolgen, wobei vor allem ihr logisches Denken und die körperliche Konstitution gefragt waren und es um ihre Reaktion und Fingerfertigkeit ging.
Sydney beantwortete Fragen über die aktuelle Wirtschaftsordnung, das Bruttonationaleinkommen und die Kommunalpolitik. Der Doc im weißen Kittel wollte Kreise und Quadrate zugeordnet bekommen, fragte nach der Lösung einer simplen Rechenaufgabe und prüfte abschließend ihr Seh- und Hörvermögen mit entsprechenden Geräten.
Knapp neunzig Minuten nach ihrem Eintreffen hatte Sydney den Parcours durchlaufen und wartete letztlich in einem tristen Gang auf den Schlaftest. Grelle Neonlampen spendeten ein paar traurigen Grünpflanzen das einzige Licht und die Probanden hatten sich im Gebäude verteilt. Hier saßen nur zwei weitere.
»Hey, Lady. Du bist also auch weitergekommen«, sagte Lennis, als er um die Ecke kam und sich direkt neben sie auf den Stuhl fallen ließ. Er nahm sein Basecap ab, strich sich über die verschwitzten Haare und setzte es wieder auf.
»Wow, du bist schon hier? Ich dachte füllst noch dein Formular aus.« Sie grinste und wendete sich ab.
»Klar war total easy.«
»Und dein Problem?« Sie sah ihn prüfend an.
Er rümpfte die Nase. »Das war wohl der schwierigste Teil.« Jetzt griente er keck, reckte die Beine nach vorn und verschränkte seine Hände über dem Kopf. »Wie ist dein Test gelaufen?«, fragte er fröhlich.
»Ich glaube, bei den Logikaufgaben habe ich ein paar Fehler gemacht.« Sydney legte beide Hände auf ihre Knie.
»Bei mir waren es die politischen Themen. Wer soll schon wissen, wer vor Madison Präsident war?«
»Paul Estenson bitte«, sagte ein Mann in langem weißem Kittel, worauf sich ein junger Mann erhob und mit ihm den Raum verließ.
»Jetzt kommt der gemütliche Teil. Schlafen.« Wobei Lennis das letzte Wort in die Länge zog, stellte die Beine zurück und lehnte sich vor. »Ich habe tierischen Hunger. Ob wir bald mal etwas zu knabbern bekommen?«
»Ich habe keinen Hunger, wenn ich aufgeregt bin«, entgegnete Sydney, obwohl sich ihre Anspannung inzwischen fast vollständig gelegt hatte.
»Jetzt musst du dir keine Sorgen mehr machen. Wir sind gleich durch.« Er hob seine Hand, damit sie einschlagen konnte, doch sie starrte den trostlosen Gang hinunter.
»Hey, was ist, Sydney? Freust du dich nicht?«
Im Moment hatte sie andere Sorgen. »Warum erzählen die uns keine Einzelheiten zum Ablauf? Im Grunde wissen wir überhaupt nichts über die Studie. Ich bin echt kein Fan von Überraschungen.« Sie sah ihn an.
»Möglicherweise würde es das Ergebnis beeinflussen? Mir ist das egal. Ich freue mich auf sechs Wochen auf der faulen Haut und eine sexy Bedienung, die mir jeden einzelnen Tag das Essen serviert und mir die Bude aufräumt. Das ist Urlaub Allinklusive. Außerdem hoffe ich auf ein paar Cocktails am Abend und eine attraktive Masseurin. Falls die kein Bier erlauben, besorge ich uns etwas. Wir müssen erst mal, wie alles läuft. Das wird gemütlich.« Er streckte alle viere von sich und quiekte dabei wie ein rostiges Auto.
Sie zuckte knapp mit den Schultern.
»Mein Kumpel hat mal bei so einer Studie mitgemacht. Er musste verschiedene Snacks von mehreren Produzenten verputzen und anschließend bewerten. Hey, der durfte den ganzen Tag Chips futtern und hat auch noch Kohle dafür bekommen. Ich könnte ihm heute noch den Hals umdrehen, dass er mich nicht mitgenommen hat.«
»Könnte mir Besseres als Chipsessen vorstellen«, sagte Sydney mitleidlos. »Was treibst du überhaupt in Roby, wenn du nicht gerade in der Weltgeschichte herumfährst und Proband spielst?«
»Wieso interessiert dich das, Lady?«
»Tut es nicht, aber mir ist langweilig.«
Er feixte. »Hab ich mir irgendwie gedacht.« Er machte eine Pause und legte dann los: »An den Wochenenden jobbe ich im Shaved Duck und hin und wieder im Laden meiner Eltern.« Er räusperte sich. »Das ist eine erstklassige Autowerkstatt. Rostige Karren, schmutziges Öl und Werkzeug für alles. Shaved zahlt nicht sonderlich viel, aber Essen und Trinken sind frei und ich kann ab und an meinen Kumpeln etwas kostenlos servieren.« Er blinzelte zu ihr, als ob er ihr ein besonderes Geheimnis verraten hätte.
»Interessant«, sagte sie gelangweilt. Eigentlich interessierte sie dieser Kerl kein bisschen, dennoch musste sie die Zeit überbrücken und fragte weiter: »Hast du auch etwas gelernt, Lennis?«
»Bist du vom FBI oder so was?«, fragte er amüsiert und hielt ihr spontan sein Formular entgegen. »Nimm schon. Ich habe keine Geheimnisse vor einer schönen Frau.«
Sie nahm seine Zettel und setzte sich aufrecht.
»Aber nicht schimpfen«, sagte er vorsichtig.
Rasch überflog sie die ersten Zeilen, blätterte zwar um, legte das Formular aber auf ihren Beinen ab, bevor sie weiterlas. »Wenn ich mir diesen Quatsch ansehe, hast du entweder eine heftige Persönlichkeitsstörung oder ein paar schwerwiegende Geheimnisse.«
»Wie gesagt müssen die nicht alles wissen. Hast du dich nicht gefragt, warum die unsere privaten Angaben haben wollen? Wer weiß, wozu sie die verwenden. Heutzutage verdienen die mit unseren Daten Milliarden.«
»Vielleicht brauchen sie deine echten Daten, um dir das Geld zu überweisen, Idiot?«
Er kratzte sich am Nacken. »Stimmt auch wieder. Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht.«
»Übrigens hast du deinen Namen nicht eingetragen.« Sie gab ihm den Bogen zurück.
Umgehend zückte er den Stift.
»Falls du hier auch meinen Namen eintragen willst, dann solltest du auch meine Kontonummer verwenden«, sagte Sydney flott.
Der ältere Mann im weißen Kittel kam in den Wartebereich zurück. »Sydney Conor bitte.«
Sie erhob sich.
»Folgen Sie mir.«
»Viel Glück, kleines Mädchen«, rief Lennis ihr nach und hielt einen Daumen nach oben.
»Geben Sie mir die Papiere«, sagte der Doc und Sydney reichte sie ihm.
»Bekommen wir Einzelzimmer?«
»Ja«, sagte er kurz angebunden.
»Und die Tests? Werden die in Gruppen durchgeführt? Ich meine, da ist so ein Typ, mit dem ich nicht unbedingt zusammen sein will.«
»Sie sind alleine.«
»Immer? Sechs Wochen lang?« Sie kräuselte die Stirn.
»Ja, Miss. Damit erzielen wir optimale Ergebnisse.«
Das gefiel ihr nicht. »Gibt es Urlaub oder Ausgang?«
Ohne stehen zu bleiben, blätterte der Mann durch ihre Angaben. »Den werden Sie nicht benötigen. Die Tests sind nicht anstrengend. Schlaf ist ein wesentlicher Bestandteil der Studie.«
»Die ganze Zeit? Aber wie wollen ...?«
Der Mann unterbrach sie: »Doktor Williams wird Ihnen alles Weitere erklären.«
Sie bogen in einen schmalen, hellen Gang ab.
»Denken Sie, dass ich dafür geeignet bin, Sir? Ich leide an Platzangst.« Sydney war besorgt.
»Bestimmt hat niemand etwas dagegen.« Er blätterte durch ihre Unterlagen.
»Das war nicht meine Frage. Ich dachte vielmehr an meine Probleme, die dadurch entstehen könnten. Ich meine, ich soll alleine sein, ohne Freigang und ...«
Er unterbrach sie: »Soviel ich weiß, hat bisher jeder die Studie geschafft.« Geistesabwesend las er ihre Antworten. »Sie haben angegeben, dass Sie Angst vor Krabbeltieren haben.«
»Das stimmt.«
»Was verstehen Sie unter Krabbeltieren?«
»Alles, was mehr als vier Beine hat.«
Er brummte leise, nickte und machte einen Haken auf seinem Board. »Des Weiteren haben Sie geschrieben, dass Sie Einsamkeit als persönliche Schwäche ansehen. Worauf wollen Sie hinaus?«
»Nein, das ist keine Schwäche. Sie haben nach meinen Ängsten gefragt. Ich bin einfach nicht gerne alleine.«
»Wie wirkt sich das aus? Hier entlang.« Er zeigte den Gang hinunter und ging mit langen gleichmäßigen Schritten voran. Sydney musste sich sputen, um mithalten zu können.
»Es ist nicht so, dass ich verkrampfen würde, wie es bei der Klaustrophobie auftritt, aber ich mag die Einsamkeit nicht sonderlich, werde hibbelig und muss nach draußen an die Luft. Auch hilft es, stundenlang mit einer Freundin zu telefonieren. Haben wir während der Studie Handyempfang?« Sie beobachtete, wie er den nächsten Haken auf seine Liste setzte. Dann blieb er stehen, sah sie an und, ohne auf ihre Frage einzugehen, sagte er: »Sie haben also eine Schwäche für Schokolade.«
Ihr breites Lächeln bestätigte bereits seine Frage. »Ja, ich liebe Schokolade über alles.«
»Können Sie sechs Wochen darauf verzichten?«, fragte er trocken und vertrieb den Anflug ihrer Heiterkeit.
»Kein Problem. Außerdem wird ein wenig Abstinenz gut gegen meine Fettröllchen helfen. Ich will noch zwei Kilo runter bekommen.«
»Wir sind gleich da.«
»Doktor, was ist denn nun mit meiner Klaustrophobie? Ich mache mir deswegen wirklich Sorgen.«
»Wir haben fähige Ärzte im Team, die Sie während der ganzen Zeit überwachen werden. Das ist kein Problem.« Er blätterte zurück auf die Vorderseite, wo er mit seinem Finger auf ihrem Gewicht stehen blieb und sie musterte. »Achtundfünfzig Kilo?«, murmelte er, warf ihr einen abschätzigen Blick zu und blätterte auf die dritte Seite um. »Warum wollen Sie in China Bogenschießen?«
»Wie bitte?«
»Sie haben unter Punkt siebenundzwanzig angegeben, dass Sie unbedingt China bereisen wollen, und davor steht Bogenschießen.«
»Ich liebe das Land, die Menschen und ihre Kultur, war aber noch nie selbst dort. Bogenschießen hat nichts damit zu tun. Das mache ich überall, wo und wann ich dazu Gelegenheit bekomme. In Williamston habe ich vor zwei Jahren sogar einen Preis gewonnen.«
Die Antwort schien ihn nicht sonderlich zu interessieren. Stattdessen kehrte der Doc noch einmal zu ihren Ängsten und Schwächen zurück und murmelte leise vor sich hin: »Angst vor der bösen Welt, und etwas im Leben zu verpassen. Meine Schwäche ist es, mir einzugestehen, unrecht zu haben und ich habe generell Angst schwach zu sein.« Kurz blickte er wieder zu ihr. Lag Verachtung in seinem Blick? Sydney missfiel seine unsympathische Art.
Er schloss das Formular, klemmte sich den Ordner unter den Arm, lief zielstrebig den Gang weiter, bis zu einer Stahltür, vor der er stehen blieb. Dort übergab er kommentarlos einem anderen Mann die Unterlagen, drehte sich um, sagte: »Viel Erfolg« und lief eilig den schmalen Gang zurück. Fragend sah ihm Sydney nach und hörte seine Absätze im Gang klacken.
»Ich bin Doktor Lee.«
Sie drehte sich zu ihm und zeigte den Gang zurück.
»Der war nicht besonders freundlich.«
Auf ihren Einwand ging Doc Lee nicht ein. »Ich begrüße Sie im Institut. Für die Studie ist es erforderlich, dass Sie eine persönliche Nummer erhalten, die Sie sich bitte einprägen. Anstelle Ihres Namens werden Sie unter der Nummer Zehn-sechsundzwanzig geführt. Wenn Sie kommunizieren, nennen Sie ausschließlich diese Nummer. Haben Sie das verstanden?« Er schrieb diese Zahl auf die obere Ecke ihres Formulars. »In Kabine zwölf endet auch schon Ihre Aufnahmeprüfung. Bitte warten Sie dort. Gleich wird sich jemand um Sie kümmern.« Er zeigte zu einer offenstehenden Tür, setzte sich an einen schlichten Tisch und gab ein paar Daten in einen betagten Computer ein.
»Zehn-sechsundzwanzig«, wiederholte Sydney, nickte angedeutet und sah sich in der großen, spärlich beleuchteten Halle um. An den Stahlträgern an der Decke hingen breite silberne Lampenschirme weit nach unten. Wie in einer alten Apotheke roch es nach Medikamenten. Staub stand in der Luft, der von schmalen Sonnenstrahlen sichtbar wurde. Das Licht fiel durch längliche Fenster unterhalb der Decke ein.
In diesem Moment stellten sich bei Sydney spürbare Beklemmungen ein und nährten ihre Zweifel. Noch war es Zeit, die Teilnahme abzubrechen und nach Hause zu fahren. Noch konnte sie sich auf ihr bequemes Sofa lümmeln, den Fernseher einschalten und einem normalen Tagesrhythmus folgen.
»Bitte gehen Sie weiter. Kabine zwölf«, wiederholte Lee und nahm die Unterlagen des nächsten Probanden entgegen.
Langsam lief Sydney zu den Räumen am oberen Ende der Halle und der offenstehenden Tür.
»Ich bin gleich bei Ihnen«, sagte eine junge Frau im Outfit einer Krankenschwester und verschwand im Nebenzimmer.
Sydney verzog einen Mundwinkel.
Metallenes Klappern kam aus dem Nebenraum. Dann erschien die Krankenschwester mit einem mobilen Blechwagen voller Ordner, Mullbinden und kleinen Schachteln.
»Können Sie mir sagen, was wir hier tun müssen?«, versuchte Sydney, an Informationen zu gelangen. Vielleicht war sie ja gesprächiger als die anderen zuvor.
Die Frau parkte den Wagen neben die Zimmertür, nahm einen Packen Ordner heraus und sagte: »Ich habe nicht viele Infos über die Studie. Der Professor wird Ihnen alles erklären. Bitte treten Sie ein.«
»Aber ...?«
»Sie haben es gleich geschafft.«
Der kleine kahle Raum ließ ihr einen Schauer über den Rücken laufen. Es war zu eng.
»Ich kann das nicht.« Sie machte kehrt und lief zum Ausgang zurück.
»Zehn-sechsundzwanzig«, mahnte die Krankenschwester.
Doch Sydney reagierte nicht und beschleunigte ihre Schritte. Sie wollte das nicht mehr.
»Miss, wir haben Ihnen ein bequemes Bett zurechtgemacht. Kommen Sie zurück. Das tut nicht weh.«
Sydney blickte zurück. »Ich bin nicht Zehn-sechsundzwanzig. Ich bin Sydney Connor und keine Nummer.«
Die junge Frau eilte ihr nach. »Das dient lediglich ihrer Anonymität während der Studie. Sie müssen das verstehen. Bleiben Sie doch stehen. Es wird nichts Schlimmes passieren. Sie werden nur ein wenig schlafen und kleinere Aufgaben erledigen. Sie bekommen das locker hin.«
Neben Doc Lee und der Eingangstür blieb Sydney abrupt stehen und rief zurück: »Wieso spricht niemand darüber, um was es geht? Ich werde keine Pillen schlucken oder irgendwelche merkwürdigen Experimente machen.«
»Das haben wir Ihnen doch erklärt«, mischte sich Lee ein. »Sie werden jede Menge Freizeit haben und können sich die Zeit frei einteilen. Niemand macht Experimente. Sie machen nur, was Sie möchten. Darüber hinaus werden Ihre physischen Werte beim Schlaf ermittelt. Das war es auch schon.«
Die Krankenschwester hatte sie erreicht und fasste Sydney beruhigend an den Oberarm. »Sehen Sie, Miss, Sie haben sich erfolgreich qualifiziert. Darauf können Sie stolz sein. Sie brauchen sich wirklich keine Sorgen zu machen. Während der Studie werden Sie etwas Zeit am Computer verbringen, sie können über sich und die Welt nachdenken und die Ruhe genießen. So manch einer hat in dieser Zeit schon zu sich selbst gefunden. Außerdem steht ausreichend Freizeit zur Verfügung, in der Sie Sport treiben können und tun dürfen, was Sie wollen. Genießen Sie einfach den Aufenthalt im Institut und verdienen Sie auch noch Geld dabei.« Hinter vorgehaltener Hand flüsterte sie vertrauensvoll: »Das ist deutlich mehr Geld, als ich hier verdiene. Das sollten Sie sich nicht entgehen lassen.« Sie lächelte freundlich und wies mit offener Hand zum Raum zwölf.
»Lassen Sie uns die letzten Vorbereitungen treffen.« Ohne viel Druck schob die Krankenschwester Sydney zurück. »Es wird Ihnen gefallen. Das verspreche ich. Ist fast wie Urlaub.« Sie flüsterte mit aufgestellter Hand am Mund: »Ist zwar kein Fünfsternehotel, aber völlig ausreichend und bequem. Der Aufenthalt wird der Seele guttun. Sie haben die richtige Entscheidung getroffen. Versprochen.« Freundschaftlich legte sie ihren Arm um Sydneys Schulter und trieb sie weiter bis Zimmer zwölf und dirigierte sie herein.
Noch einmal blickte sich Sydney um, sah zu Lee und dem Ausgang zurück, und betrat anschließend das schmale Zimmer mit dem Krankenbett in der Mitte, dem bescheidenen Tisch, einem Stuhl und den hellen flachen Schränken, die eine komplette Wand des Raumes einnahmen. Durch das große Fenster konnte Sydney auf den dicht bewachsenen Innenpark des Gebäudes sehen.
Wenn Ihnen diese Leseprobe gefallen, erfahren Sie im Buch, wie die Geschichte ihren Lauf nimmt.